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[Gastrezension] Chirú von Michela Murgia

Chirú von Michela Murgia - Cover mit freundlicher Genehmigung vom Verlag Klaus Wagenbach

Chirú von Michela Murgia – Cover mit freundlicher Genehmigung vom Verlag Klaus Wagenbach

»Eine ungewöhnliche emotionale Bindung, in der die Spuren der Kindheit wieder auflebten«, meint unser Gastrezensent Michael Reißig.

Zum Inhalt:

Die 38-jährige Theaterschauspielerin Eleonora lehrte in einem Konservatorium Chiru, der zwar kein Kind mehr war, der aber noch nicht die vollständige Reife eines Erwachsenen besaß, die hohe Kunst des Geigens. Eleonora hatte schon viele Talente unter ihre Fittiche genommen, jedoch Chirú schien etwas Eigenartiges an sich zu haben, was sie so noch nicht kannte.

Eleonoras Kindheit im sardinischen Cagliari war geprägt von den autoritären, patriarchisch geprägten Wesenszügen ihres Vaters. Aber auch von ihrer Mutter hatte sie nicht viel, denn diese ordnete sich dessen Regime uneingeschränkt unter. Wenn die Kleine bei Freizeitvergnügen auf Jahrmärkten oder bei sonstigen Ausflügen Wünsche am Herzen lagen, musste sie sich mit der sprichwörtlichen Engelsgeduld erbetteln, was ihrem Bruder glücklicherweise erspart geblieben war. Egal was sie machte: aus der Sicht ihrer Eltern baute sie nur Shit…

Die in die Seele gebrannten Wunden warfen dunkle Schatten, worunter auch ihre Männerbekanntschaften litten, die meist nicht allzu lange währten. Ausgerechnet der 18-jährigen Chirú nahm eine Sonderrolle in deren Männergeschichten ein . Immer wenn die beiden sich zum Speisen in einem Restaurant verabredeten, löcherten die beiden sich gegenseitig mit Fragen, die sich bis in die kleinsten Details bohrten, was die Spuren der Kindheit anbetraf. Eleonora sorgte sich um Chirú, weil in dessen Gesichtszüge bereits ein für dessen jugendliche Alter ungewohnt harte Züge gefurcht hatten. Sie mühte sich dessen unausgewogene jugendliche Fassade einzureißen, und dem angehenden Geiger einzuweihen, in jene elitären Kreise, die den teilweise blendenden Schein der Perfektion suggerierten. Nahezu jeden Blick des Jungen, dessen Gestiken, jedes tatsächliche und vermeintliche Fettnäpfchen, und sei es nur bei den „Künsten“ bei der Handhabung des Besteckes, nahm sie zum Anlass, um ihre Gedanken in passende Worte zu kleiden. Chirú ließ sich jedoch nicht einschüchtern, sondern konterte ebenfalls mit spannenden Fragen, die Eleonoras Herz berührten.So wurde es zur Gewohnheit, dass bei manchen Dates Chiru das Zepter übernahm, bei anderen Eleonora. Zu einem jener Treffs, als Chirús Freund zugegen war, verstand es Eleonora geradezu perfekt, den Gesprächsfaden in jene Richtung zu lenken, die den Schüchternen aus der Reserve lockte, die aber Chiru völlig überraschend suggerierte, dass dieser gar nicht so schwach war, wie er es von ihm glaubte.

Eleonoras Gefühle wogten auf und ab, wobei der Freitod eines ihrer Schüler die Pädagogin absolut nicht kalt ließ.

Bei einer Konzertreise lernte sie Fabrizio kennen. Aber auch da bestimmte das ungewöhnliches Verhältnis zu Chirú des Öfteren den Alltag. Jedoch auch dieses Verhältnis verwässerte spürbar, bis es später zerbrach, wenn auch Fabrizio und Eleonora die Drähte nioe abreißen ließen.

Eleonora hatte ein Gespräch mit Chirus Eltern eingefädelt. Jedoch bereits zu Beginn des Gedankenaustauschs übermannte in ihr das Gefühl, das die Chemieabsolut nicht stimmte Arges Misstrauen der Mutter, bzw. scheinbares Desinteresse des Vaters waren nicht zu übersehen, beziehungsweise zu überhören.

Eine Konzertreise führte Eleonora nach Schweden, wo sie auf Martin traf. Und auch hierbei schüttete sie das Bade ihrer Erinnerungen ausgiebig aus. Jedoch hielten auch in Skandinavien Eleonora und Chirú die Kontakte per SMS, bzw. Email intensiv aufrecht…

In einem Florenzer Hotel nächtigten die beiden schließlich gemeinsam, obwohl die Sehnsucht zu Martin fast gleichzeitig an Eleonoras Herz rüttelte. Die Spannungen lagen zum Greifen nah. Herz und Verstand rangen bei beiden um die Vorherrschaft. Martin und Eleonora hatten bereits in den ersten Tagen des Kennenlernens miteinander geschlafen, was die Lehrerin nicht anders kannte.

Aber mit Chirú, dessen Pubertät längst noch nicht abgeschlossen war?….

Mein Fazit:

Ein sehr emotionaler Roman, der den Lesern eindrucksvoll vor Augen geführt hat, dass die Erfahrungen der Kindheit das weitere Leben einschneidend prägen. Im Falle der Theaterschauspielerin Eleonora warf dieses Dunkel lange Schatten in Bezug auf deren partnerschaftliche Beziehungen. Ein Kind, das fast immer nur erfahren musste, nichts recht machen zu können, fällt es im späteren Leben meistens verdammt schwer, Entscheidungen zu treffen, und als Eleonora Chirú traf, war ihr schnell klar, dass sie einem Seelen verwandten begegnet war. Menschen, die die Unbarmherzigkeiten des Lebens viel zu früh durchleiden mussten, sind den Anforderungen des Berufes oft nicht gewachsen, oder entfachen einen unbändigen Ehrgeiz, um die Umgebung von jenen vorhanden Stärken zu überzeugen, deren Ausleben in der Kindheit faktisch unmöglich war. Im Falle von Eleonora und Chirú traf das Letztere zu. Die 1972 im sardinischen Capri geborene Schriftstellerin Michele Murgia, gelang es nahezu perfekt, mit viel Gefühl die Spuren der Kindheit im Heute weiterleben zu lassen. Eleonora konnte einfach nicht loslassen, und dieses Faktum hatte Frau Murgia in Form von facettenreichen Wort- und Gedankenspielen sehr ausgiebige in die Handlung eingebaut. Die hohe Kunst des Dichten spiegelte sich auch in zahllosen, zum Teil bis ins kleinste Detail fließenden Bildern wider, in die die Autorin gekonnt Fragen, die den Ursachen auf den Grund gingen, mit ins Spiel brachte. So gelang es ihr, trotz einiger zu lang gezogener Textpassagen den Spannungsfunken am Glimmen zu halten. Allerdings verlangt diese Art des Erzählens von den Lesern ein hohes Maß an Konzentration ab, obwohl Frau Murcia, dank spannender Züge aus der Vergangenheit, die mit spannenden Dialogen gespickt waren, eine authentische Note verliehen hatte. Daher möchte ich besonders Lesefreunden diese Lektüre ans Herz legen, die jene Künste des Erzählens mögen, die die wunden Punkte des Lebens sensibel berühren.

Ein erfülltes Geigerleben setzt ein ausgesprocheneses Maß an Einfühlungsvermögen voraus. Die scheinbar unüberbrückbaren Barrieren der Kindheit schienen jedoch Chirús hochgesteckte Ziele zu kappen. Eleonoras Feingespür, gedeckt von ähnlich absurden Kindheitserinnerungen bewahrte Chirú vor einem möglichen Scheitern. Nicht unerwähnt lassen möchte ich aber auch, dass Eleonora in mehrere Rollen schlüpfte. Sie war nicht nur Chirus Lehrerin, sondern dessen Anvertraute, eine Art von Ersatzmutter, und auch das eine oder Fünkchen sprang schon über, was auch gewisse erotische Spannungen erahnen ließ. Wer aber hoffte, die große Liebe würde triumphieren, den muss ich leider eines Besseres belehren, was aufgrund des erheblichen Altersunterschiedes natürlich nicht verwunderte.

Aber dennoch hat diese ungewöhnliche emotionale Bindung nachhaltig bewiesen: „Geteiltes Leid ist halbes Leid“ – dieser alte Spruch ist in den Herzen geblieben!

Meine Bewertung – 4 von 5 Sterne

Bewertung: 4 Sterne

Gastrezensent
~MR

Informationen zum Buch:

Autorin: Michela Murgia
Verlag: Klaus Wagenbach, Berlin
ISBN: 978-3-8031-3287-1
Umfang: 208 Seiten

Image Credits: Cover mit freundlicher Genehmigung vom Verlag Klaus Wagenbach

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